Nachruf Ma Jiangbao

Ma JiangBao ist gegangen

Meister Ma Jiangbao verstarb am 12. Oktober 2016 in Rotterdam, kurz vor seinem 75. Geburtstag am 31. Oktober. Selbst anerkannter und verehrter Lehrer war er der Sohn zweier berühmter Vertreter des Wu-Stils: Ma YueLiang und Wu YingHua, der Tochter des Wu-Stil-Begründers Wu JianQuan.

Dessen Vater, der Mandschure Quan You, war ein Schüler von Yang LuChan und wurde später von dessen Sohn Yang BanHou unterrichtet. Zusammen mit seinen Mitschülern Yang ChengFu, Yang ShaoHou und Sun LuTang gehörte Wu JianQuan  ab 1914 zu den ersten, die eine größere Anzahl Außenstehender am Pekinger Forschungsinstitut für Körperkultur unterrichteten, bevor er in den 1930er Jahren mit Yang ChengFu nach Shanghai ging.

In Shanghai gründete Wu Jianquan  den Jianquan-Tai Chi Chuan-Verband, in der er der Vorsitzende und sein Schwiegersohn Ma YueLiang der zweite Vorsitzende war. Wu Jianquans älteste Tochter Wu Yinghua unterrichtete am Institut für Kampfkünste in Peking. Mitte der 20er Jahre ging sie auf Einladung der Firma Siemens nach Shanghai und unterrichtete dort an verschiedenen Stellen. Zusammen mit ihrem Mann Ma Yueliang verbreitete sie den Wu-Stil in China bis in die 90er Jahre. In diese angesehene Taiji-Familie hineingeboren, eignete Meister Ma sich ab seinem achten Lebensjahr natürlicherweise den umfassenden TaiJi-Schatz der Wu- und Ma-Familien an;  von Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und älteren Geschwistern nahezu täglich angeleitet. Mit 16 Jahren hatte er alle Waffenformen erlernt und begann mit 19 Jahren Taiji zu unterrichten.

1986 kam er mit seinem Vater nach Düsseldorf und blieb dort für 2 Jahre. Danach ging er auf Einladung der chinesischen Gemeinschaft nach Rotterdam, um dort zu unterrichten. Seit Beginn seiner Unterrichtstätigkeit gelang es ihm, eine große Zahl von Schülern in ganz Europa zu gewinnen, zu begeistern und auszubilden: in Deutschland, den Niederlanden, England, Spanien, Belgien, Frankreich, Italien, Österreich, Polen. Die Präzision, die Details, die Prinzipien, die er uns, meistens nicht einmal mündlich, vermitteln konnte, lassen uns, die wir selbst Lehrer sind und zu einem nicht geringen Anteil auf verbale Kommunikation zurückgreifen, sprachlos zurück. Auch hier bleibt er ein großes Vorbild. Er legte Wert darauf, den klassischen Ausbildungskanon des Wu-Stils einzuhalten, der eine Reihenfolge im Erlernen der Formen vorsah: Lange Form, Säbel, Lanze, Schnelle Form, Schwert. (Zu jeder einzelnen Waffenform, die er unterrichtete, beherrschte er bis zu 3 weitere Formen.) Tui Shou Unterricht begann nach der Langen Form, gelegentlich, abhängig von dem einzelnen Schüler, auch schon etwas früher.  Das Eingehen auf den einzelnen Schüler war ein Aspekt der Leistungen Meister Mas als Lehrer: jeder bekam die volle Aufmerksamkeit. Er war immer bereit, selbst zu zeigen, wie es sein sollte; sich anfassen zu lassen, um deutlicher spüren zu können, was er machte.

Auffällig war immer die Freude und Lebendigkeit, mit denen er das Tui Shou mit seinen Schülern übte. Je erfahrener und kräftiger jemand war, desto wohler schien er sich zu fühlen. Herausragend war, dass er trotz größter Herausforderungen immer bei den Prinzipien blieb:  Härte, körperliche Kraft beantwortete er mit Weichheit und spielerischer Leichtigkeit; immer kamen ihm mehrere Handlungsmöglichkeiten in den Sinn, die er gutgelaunt demonstrierte: „Geht ... geht auch“. 

Trotz seiner Überlegenheit machte er daraus immer auch eine Gelegenheit des Lernens, des Wahrnehmens. Geduldig ließ er sich darauf ein, jede Technik mehrmals mit dem Schüler zu wiederholen. In den Taiji-Partnerübungen erkennt man nach vielen Jahren Übungspraxis immer deutlicher, dass unser Ego die Bewegungen hölzern und hart werden lässt.  Gelöst, leicht und locker sind die Übungen nur, wenn man das Ego zurücknimmt und aus dem "selbst machen" zum nicht eingreifenden Gewahrsein und Begleiten kommt.

Diesen Wesenszug fand man bei Meister Ma auch in seiner Bescheidenheit wieder, wie er, sich selbst zurückgenommen, ein einfaches Leben führte.  Man konnte auch mit wenig Geld von ihm lernen, jeder, ob talentiert oder ungelenk, wurde in gleichem Maße unterrichtet und gefördert; solange ein "sich Bemühen" zu erkennen war. Er war eher auf Schüler bedacht, die lernen wollten und bereit waren, Arbeit und Übung in das Fortkommen zu investieren, als primär darauf, viele Schüler und volle Klassen zu haben. Auch nach Jahrzehnten des Unterrichtens hat er Anfänger wie Fortgeschrittene mit der gleichen Zuwendung bedacht. Er ging mit denen in Kontakt, die kamen und sich bemühten und achtete immer auf das schwächste Glied in der Kette. Er machte uns durch seine Handlungen deutlich, dass das Lernen kein Ende hat. So kam es vor, dass er in einem Fortgeschrittenen Kurs weit über eine Stunde die erste Bewegung der Form korrigierte und verfeinerte, solange, bis er seine Zufriedenheit mit unserer Leistung mit einem herzlichen Lächeln und seinem größten Lob, "bisschen gut", untermauerte.

Seine Kenntnisse und Fertigkeiten in der Behandlung von Beschwerden und Verletzungen seiner Schüler waren erstaunlich. In den Pausen zwischen den Trainingsstunden oder abends konnte man zu ihm gehen oder er bot selbst seine Hilfe an. Mit Akupressur oder Tuina behandelt, waren die Behandelten häufig überrascht, wie gut ihnen Meister Ma, selbst bei langwierigen Behinderungen, Linderung verschafft hatte.  Ausgeprägt war sein Hang zur Geselligkeit. Liebend gern ging er mit seinen Tudis Essen und genoss jede andere Form des Zusammenseins zu dem er durch Fröhlichkeit, mit seinem, oft spontanen, Gesang und Pfeifen beitrug. Seine musikalischen Fähigkeiten hatten schon in seiner Jugend an der Shanghaier Musikhochschule beeindruckt. 

Die Folgen früher Krankheiten und der erlittenen Unbill in schlechteren Zeiten der chinesischen Politik, machten sich im Alter bemerkbar. Der lange Kampf gegen die schwere Erkrankung seiner Frau und schließlich deren Tod hatten ihm wohl manchen Lebensmut genommen. Wir werden ihn als Mensch und Lehrer vermissen, viele Meister anderer Stile, die ihn häufig in Rotterdam besuchten, verlieren einen offenen Diskussionspartner; Familienmitglieder der Wu und Ma einen kompetenten Ratgeber.  Als Vorbild für Gemeinsamkeit, des Austausches, des gemeinsamen Übens, des fairen und helfenden Umgangs miteinander bleibt er uns allen erhalten.

Wolfgang Scheurer

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